Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich zunächst mit dem Begriff „Riss“ beschäftigen. Wir unterscheiden im Wesentlichen zwei verschiedene Arten von Rissen, nämlich zum einen den Schwundriss, zum anderen den „Bewegungsriss“.

Vom Schwundriss spricht man dann, wenn sich in der Putzfläche aufgrund zu hoher Putzstärken und/oder zu schneller Trocknung feine Risse bilden. Jeder Baustoff hat eine maximale Schichtstärke, die je Arbeitsgang aufgebracht werden kann. Wird diese Schicht überschritten, führt das unabhängig vom Baustoff zu Rissen. Das Wasser in der Beschichtung entweicht nach und nach aus dem System und hinterlässt dabei einen Hohlraum. Bis zu einem gewissen Grad können die Partikel in der Matrix diesen Hohlraum ausgleichen und einen Verbund bilden, der die Rissbildung verhindert. Ist der Volumenverlust aber zu groß oder trocknet die Fläche zu schnell, entstehen unweigerlich Risse. Gegen diesen Anwendungsfehler ist kein Kraut gewachsen!

rissEine weitere Quelle für Rissbildung sind Bewegungen des Untergrundes, auf dem die Putzsysteme aufgebracht sind. Solche Bewegungen können auftreten, wenn der Untergrund auf Vorkommnisse der Umgebung reagiert, sich also z.B in Folge von Aufwärmen und Abkühlen so stark bewegt, dass die Belastungsgrenze der Beschichtung überschritten ist. Das Gefüge der Beschichtung hat nicht mehr so Kraft, der Bewegung entgegenzuwirken, die Verbindungen der Partikel untereinander reißen ab.

Ähnlich verhält es sich, wenn der Untergrund selbst noch nicht vollständig ausgetrocknet ist und es hier ebenfalls zu Volumenveränderungen kommt. In die gleiche Kategorie gehören Untergründe, die durch äußere Einflüsse auffeuchten (und sich dadurch in Größe und Form verändern!) und dann wieder austrocknen.

Die klassische Form des Bewegungsrisses liegt dann vor, wenn der Untergrund mechanischen Belastungen ausgesetzt ist (z.B. Winddruck, Setzen des Baugrundes usw.), die höher ist als die Eigenstabilität. Bewegt sich der Untergrund, wird die Belastung weitergegeben. Ein Riss ist in solchen Fällen nur die logische Konsequenz. Beschichtungen, ganz gleich welcher Art, haben nicht die Aufgabe, eine nicht stabile Konstruktion ausreichend stabil zu machen, sie können es auch gar nicht.

Alle rein mineralischen, nicht vergüteten Putz- und Beschichtungssysteme reagieren hinsichtlich möglicher Risse in gleicher Weise. Aber obwohl diese mineralischen Systeme als spröde bezeichnet werden, so gilt doch zumindest für den Lehmputz, dass er bei ordnungsgemäßer Handhabung von selbst nicht reißt.

Hier und da vermutet man schon im Vorfeld, dass eine erhöhte Rissgefahr vorliegt. Man versucht dem mit Armierungen entgegenzuwirken, aber dieser Prophylaxe sind Grenzen gesetzt. Egal wie umfangreich man solche Maßnahmen angeht, es geht immer „nur“ um die Minimierung einer Rissgefahr. Einen vollständigen Ausschluss kann kein System gewährleisten. Die Beschichtung ist das schwächste Glied in der Kette, stabilisierende Aufgaben müssen von den Konstruktionen selbst übernommen werden.

Ob Trockenbaukonstruktionen grundsätzlich rissanfälliger sind als massive Aufbauten, sollte man so pauschal nicht aburteilen. Man darf aber den Grundsatz aufstellen, dass mit zunehmendem technischen (und damit verbunden meist auch finanziellen) Aufwand die Gefahr der Rissbildung zurückgeht. Mehr und mehr setzt sich aber die Erkenntnis durch, dass das vorherige Anbringen einer Armierung (z.B. technische Vliestapeten) gerade bei Trockenbaukonstruktionen die Situation verbessern. Es wäre aber ein Irrglaube anzunehmen, dass die Armierung das Problem grundsätzlich und auch für alle Ewigkeit beseitigt!

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