Lehmtapete - was ist daran noch Lehm?

In letzter Zeit erreichen uns vereinzelt Anfragen von Kunden, die sich über sogenannte Lehmtapeten wundern. "Wie kann man Lehm auf eine Tapete bringen?" – und "wie ist es möglich, dass solche Produkte sogar als waschbeständig beworben werden?"

Zunächst möchten wir betonen, dass wir diese Produkte nicht im Detail kennen, wir die genaue Zusammensetzung der Lehmmasse sowie einer potentiellen Oberflächenbeschichtung nicht kennen und daher keine Beurteilung einzelner Hersteller vornehmen. Unser Ziel ist es, einige grundsätzliche Hinweise zum Baustoff Lehm und seinen typischen Materialeigenschaften zu geben – und zu erläutern, unter welchen Bedingungen diese Eigenschaften verloren gehen können.

Lehm und Flexibilität – ein Widerspruch in sich

Aus unserer Praxis mit Lehmputzen – auch im Rahmen unserer zweitägigen Profiseminare – wissen wir, dass das Aufbringen von Lehm als Farbe, aber auch als Putz auf einen Vliesträger möglich ist. Um unsere großformatigen Bauplatten mehrfach zu nutzen, kleben wir dafür eine technische Vliestapete mit dem Lehmkleber PROFONDO auf und beschichten sie im Seminar. Nach der Veranstaltung wird die Vliestapete samt Lehmschicht wieder abgezogen.

Beim anschließenden Aufrollen des Vliesträgers bricht die mineralische Lehmbeschichtung – ein völlig normales Verhalten. Lehm ist trotz einer gewissen Plastizität ein sprödes Material. Wie man einen echten Lehmwerkstoff so flexibel machen könnte, dass er diese Belastung ohne Risse übersteht, ist uns bislang nicht bekannt.

Bild1Abbildung: Oberflächendesign Metallico 02 auf technischer
Vliestapte, die von einer Trockenbauplatte abgezogen wurde

Waschbeständigkeit und Oberflächenschutz

Als waschbeständig gekennzeichnete Dispersionsfarben müssen der DIN 53778 (Qualitätskennzeichen) entsprechen. Die DIN 53778 beschreibt einen genau definierten Prüfablauf. Danach müssen waschbeständige Beschichtungen nach einer Trockenzeit von 28 Tagen mindestens 1000 Scheuerzyklen mit einer Bürste standhalten. Der Begriff „Waschbeständigkeit“ bedeutet in der Praxis nicht, dass Verschmutzungen auf diesen Beschichtungen mit Wasser abgewaschen werden können. Das Entfernen von Verschmutzungen an einzelnen Stellen mit einem feuchten Tuch sollte dabei aber möglich sein. Waschbeständige Dispersionsfarben sind für normal beanspruchte Innenanstriche von ausreichender Qualität.
Definition der Waschbeständigkeit, Malerlexikon

Einen Lehmputz waschbeständig zu machen, ist grundsätzlich schwierig. Wir erhöhen die Belastbarkeit unserer Oberflächen beispielsweise durch den Auftrag unseres Naturwachses FINO. Dennoch würden wir den Begriff waschbeständig nicht verwenden, da die mechanische Belastung von 1000 Scheuerzyklen mit Sicherheit zu hoch wäre. Echte Waschbeständigkeit setzt in der Regel eine filmbildende Beschichtung voraus, die die Oberfläche so abdichtet, dass sie der mechanischen Belastung gewachsen ist.

Im Rahmen unseres Forschungsprojekts „Pflanzenkohle-Lehmputz“ an der HTWK Leipzig konnten wir zeigen, dass die Feuchtigkeitsaufnahme einer Lehmoberfläche nur geringfügig durch das Naturwachs FINO beeinflusst wird. Das liegt daran, dass die Festkörper im Wachs lediglich die Kapillaren der Oberfläche verengen, sie aber nicht verschließen. Die Oberfläche bleibt sorptionsfähig. Das Abwischen mit einem feuchten Tuch ist grundsätzlich möglich, die Belastung von "1000 Scheuerzyklen" wäre aber vermutlich zu hoch.

„Lehmputze wirken aufgrund ihres Porengefüges stark feuchtepuffernd. Wird dieses Gefüge jedoch durch Beschichtungen verschlossen, geht diese Wirkung weitgehend verloren.“
„Aspekt der Pufferung von Lehmputzen“, Der Maler und Lackierermeister 2008

Damit wird deutlich: Die typische Fähigkeit des Lehms, Feuchtigkeit aufzunehmen und wieder abzugeben, hängt direkt von der Offenporigkeit und Kapillarstruktur seiner Oberfläche ab. Jede filmbildende Beschichtung – sei es Lack, Polymer oder ein synthetisch gebundener Auftrag – reduziert diese zentrale Eigenschaft.

Kapillarstruktur und Bearbeitungseinfluss

Auch die Art der Oberflächenbearbeitung beeinflusst die Feuchtigkeitsaufnahme. So zeigen unsere Messungen, dass eine zweilagig geglättete CAPRICCIO-Oberfläche etwas mehr Feuchtigkeit aufnimmt als eine gefilzte VIVACE-Oberfläche. Durch den Filzvorgang entsteht eine feine Schlämme, die die Kapillaren stärker verfüllt als das Glätten.

„Je dichter die Oberflächenstruktur, desto geringer ist die Feuchteaufnahme und damit auch die feuchtepuffernde Wirkung.“
„Aspekt der Pufferung von Lehmputzen“, Der Maler und Lackierermeister 2008

Fazit

Echter Lehm lebt von seiner Offenporigkeit und Sorptionsfähigkeit. Diese Eigenschaften sind es, die ihn als wohngesundes, ausgleichendes Material so wertvoll machen. Wird der Lehm jedoch so modifiziert, dass er gemäß DIN 53778 "waschbeständig" wäre, könnte er genau jene Merkmale verlieren, die ihn als Naturbaustoff auszeichnen. Je mehr ein Produkt verspricht – etwa „Lehmtapete, flexibel, abwaschbar“ – desto berechtigter ist die Frage: "Was ist daran eigentlich noch Lehm?" 

Wer seinen Kunden echte, bauphysikalisch wirksame Lehmoberflächen anbieten möchte, sollte auf Produkte setzen, die ohne filmbildende Zusätze auskommen und die natürlichen Eigenschaften des Lehms erhalten. Gerne beraten wir dazu und geben Erfahrungen aus Praxis und Forschung weiter.